Blick in die Zukunft Häufige Erkrankungen
Alltagsprobleme
Wenn wir von „blind“ sprechen, dann sind in der Regel jene Personen gemeint, die nichts oder eben nur noch sehr wenig sehen. So wenig, dass eine Orientierung fast unmöglich ist.
Sehbehinderte besitzen häufig noch so viel Restsehen, das sie durchaus in die Lage versetzt, sich zu orientieren. Auch wenn Stufen, Glastüren, die auf den Gehwegen eingefassten Poller, Verkehrsampeln, Bus-Nummern etc. schlecht oder gar nicht erkannt werden.
Nun hat der liebe Gott aber allen Menschen unter anderem eine weniger gute Eigenschaft mit auf den Lebensweg gegeben. Bei den einen ist sie mehr, bei den anderen weniger ausgeprägt. Die Eitelkeit! Warum soll einem Sehbehinderten dieses Recht abgesprochen werden? Also wird er/sie sich, wenn es irgendwie noch machbar ist, nicht unbedingt stigmatisieren und eine Armbinde, Stock etc. tragen wollen. Obwohl dies manches Mal angebracht wäre.
Und was würden die lieben Mitmenschen denken oder sagen, wenn ein Blinder (zu denen auch hochgradig Sehbehinderte zählen) schnurstracks mit einem Stock und Armbinde bewaffnet, die Straße schnellen Schrittes entlang liefe? Denn schließlich kann er/sie ja noch etwas sehen. Doch bedeutet für viele Mitmenschen: Armbinde = blind = Null Sehen!
Folglich könnten die Gedanken lauten: Wieso läuft der/die denn so zielstrebig? Warum rennt er/sie bei diesem Tempo nicht gegen den Poller? Ist der/die gar nicht blind? Simuliert der/die etwa nur?
Als nicht gekennzeichneter Sehbehinderter hat man halt somit sein schweres Päckchen zu tragen.
Das beginnt damit, dass man die lieben Nachbarn auf der Straße nicht erkennt und demzufolge nicht grüßen kann. Ein freundliches Lächeln wird vom Betroffenen nicht erwidert. (Wie denn auch, er erkennt die Gestik und Mimik ja nicht). So besteht natürlich die Gefahr, als arrogant abgestempelt zu werden.
Weitere Probleme sind das Nichterkennen von Straßenschildern, Bus-Nummern, Speisekarten etc. Eben alles, was mit dem Sehzentrum, der Makula, normalerweise ohne Probleme wahrgenommen und erkannt wird. Normalerweise. Aber meist sind eben genau jene Sehzellen der Makula geschädigt. Personen werden oft nur erkannt, wenn sie unmittelbar vor einem stehen. Wenn der Betroffene an ihnen "vorbei sieht", d. h. die Gesichter befinden sich dann im peripheren Bereich des Auges. Ansonsten ist das Erkennen aus größerer Entfernung nur durch die typischen Merkmale wie Gang, Kleidung, Statur etc. möglich.
Helfen, aber wie?
Und die äußerst wenig hilfreichen, wenn sicherlich auch wohl gemeinten Antworten der Mitmenschen auf alltägliche Fragen lassen einem Sehbehinderten nicht unbedingt vor lauter Dankbarkeit Freudentränen in die Augen treiben. Ich glaube recht in der Annahme zu gehen, dass einige der Frage-Antwort-Beispiele dem einen oder anderen Schlechtsehenden vertraut sein werden. Wie könnte ein Sehender antworten, wenn er – egal ob von einem Blinden oder Sehenden- nach Lage - oder Wegbeschreibung gefragt würde?
Weniger gut, jedoch sehr häufig zu hören, wäre zum Beispiel die Antwort einer Verkäuferin auf die Frage, wo sich denn das Waschpulver befindet:
„Gleich da hinten!“. Und dann mit dem Finger
irgendwohin fuchtelnd. Besser wäre es zu sagen: „Etwa fünf Meter geradeaus
und dann rechts in Augenhöhe.“
Eine Busfahrt, die ist lustig, eine Busfahrt die ist schön...
wird sicherlich von dem Betroffenen nicht wirklich so empfunden, wenn er, wie von mir kürzlich mitbekommen, den richtigen Busfahrer erwischt und folgende Antwort auf folgende Frage erhält:
"Ist das der Bus 123 nach XY?“
„Könnse nich lesen? Steht doch oben druff!“
Ich frage mich jedoch - um bei dem Beispiel jenes Busfahrers zu bleiben - was er
sich denn eigentlich in dem Moment dachte, als er gefragt wurde. Dachte er, da
wolle ihm jemand die Zeit stehlen? Oder dachte er, dem Fragenden sei einfach
langweilig und er suchte etwas Unterhaltung?
Liebe Mitmenschen, die ihr unbeabsichtigt vielleicht auch ähnlich auf solche "dämliche" Fragen reagiert: Denkt bitte einmal nach! Es gibt nur zwei Gründe, weshalb jener Mensch so eine Frage stellte. Entweder ist er sehbehindert oder er ist des Lesens nicht mächtig. Auch so etwas gibt es. Warum ist es also so schwer, so eine einfache Frage klipp und klar zu beantworten?
Anhand einiger Beispiele kann vielleicht dargestellt werden, wie einem nicht so gut sehenden Menschen mit den richtigen, einfachen Worten geholfen werden könnte.
Bei einer Lagebeschreibung sollte man die Worte „da“ und „dort“ vermeiden. Mit dem Finger in die Richtung zeigen, bringt auch nichts. (Eigentlich logisch, oder?) Besser ist es, eine Entfernungsangabe zu nennen. Worte wie „links von dir“ oder „rechts von Ihnen“ oder die Beschreibung der Lage eines Gegenstandes nach der Uhrzeit. Zum Beispiel „Das Glas befindet sich etwa 2 Uhr vor dir.“
Vor einem Hindernis, Hundehaufen etc. ist ein Aufschrei wie „Achtung“ wahrlich nicht hilfreich. Außer einem gehörigen Schreck bei der angesprochenen Person wird nichts weiter erreicht als Unsicherheit. Besser:
„einen Meter vor dir.....“. Bei bevorstehenden Stufen ist es auch hilfreich, wenn angesagt wird, ob die Treppen abwärts oder aufwärts führen.
Nun werden liebe Mitmenschen bei einem Sehbehinderten oder Blinden ganz anders auf solche Fragen reagieren, wenn sich die Betroffenen als „blind“ gekennzeichnet haben. Sei es nun durch die allseits bekannte Armbinde mit den drei Punkten, dem weißen Stock oder einem gut sichtbar angebrachten Button.
Aber auch hier kann sich allzu viel des Guten eher negativ auswirken. Wenn ein Blinder an einer Ampel steht, dann kann man durchaus fragen, ob er zur anderen Straßenseite begleitet werden möchte. Oft erhält man dann ohnehin ein freundliches "Nein" als Antwort. Dann ist es gut so, denn der Blinde ist demzufolge selbstständig genug.
Keinesfalls sollte man ihn ungefragt einfach am Ärmel zerren und ihn über die Straße schleifen. Auch wenn es gut gemeint ist, ein vorher verbales Anbieten der Hilfe ist nun mal die sensiblere Art und Weise. Einfach den Arm anbieten und es dem Blinden überlassen ob er ihn nimmt oder nicht.
Apropos sensibel: Man darf sich mit einem Blinden ruhig ganz normal unterhalten. Er ist zwar blind aber nicht blöd.
Die Worte "sehen", "auf
Wiedersehen" etc. sind auch bei Blinden und Sehbehinderten gängige
Vokabeln. Was allerdings nicht gerade übermäßige Sensibilität beweist, sind
wenig hilfreiche -wenn auch gut gemeinte- Sätze wie:
"Was, Sie sind blind? Das wäre für mich das Schlimmste. Da würde ich
lieber tot sein...." oder so ähnlich. Solche "Hilfen" helfen
nicht wirklich.